Wirtschaft & Markt
im September 2010
ÖKONOMIEPROFESSOR GUSTAV HORN: Sparpaket sozial ungerecht ANLAGENCHEF HARALD WESTPHAL: Klein-Dallas an der Oder BOOTSBAUER INGOLF  NITSCHKE: Große Freiheit, klein gefaltet

Inhalt

Editorial
Die Unternehmerlücke
Aktuell
Interview, Konjunktur-Barometer, Brief aus Brüssel, Pro und Contra
Wirtschaft und Politik
PROF. DR. KARL-HEINZ PAQUÉ, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über 20 Jahre Einheit
WIRTSCHAFTSSTANDORT: Zwischen Dynamik und Demografie-Schock
UV ROSTOCK: Viel Potenzial am Meer
Serie
LEIPZIGER MARKTFÜHRER: Kirow - das Beste, was die Branche bietet
UNTERNEHMENSGRUPPE DR. HERRMANN BERLIN: Junger Chef am Steuer
Bericht
KLINIKUM KARLSBURG: Modernster OP-Saal für Herzkranke im Norden
INNOVATIONSPREISE OST: Mechatronik und Mittelstand
LIEBHERR ROSTOCK: Offshore-Vorhaben füllen Auftragsbücher
10 JAHRE LAND FLEESENSEE: Grund zum Feiern
Special
63. IAA-NUTZFAHRZEUGE: Lust auf Laster
Interview
GASAG-VORSTAND OLAF CZERNOMORIEZ: Gasverkauf bleibt Kerngeschäft
BUNDESWIRTSCHAFTSMINISTER RAINER BRÜDERLE (FDP): Materialeffizienz-Programm nutzt dem Mittelstand
Porträt
EHRENAMTLICH: Bürgermeisterin Karla Michalski: Geheimnis des Glücks
Service
IFA 2010: Kühlschrnak vernetzt
W&M-Service
Steuern, Geld, Versicherungen
Verbands-News
BBIK AKTUELL: 15. Brandenburgischer Ingenieurkammertag, Nachrichten
VBIW-NACHRICHTEN: Kinderuni Eisenhüttenstadt, Aktuelles
W&M-Privat
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Kolumnen
HEINER FLASSBECK: Lohnt sich mehr Lohn?
KLAUS VON DOHNANYI: Das vergessene Glück

EDITORIAL

Die Unternehmerlücke

Liebe Leserin, lieber Leser,

keine Leute, keine Leute, hieß es dereinst, heute fehlt es an Nachwuchs, vor allem werden Fachkräfte gesucht. Das mag nicht in jedem betrieblichen Falle stimmen, aber Politik und Verbände schlagen Alarm: Deutschland steuert auf eine gigantische Fachkräftelücke zu. Zumal die Demografie zuschlägt. Der Schule gehen die Schüler aus, der Lehre die Lehrlinge, der Arbeit die Arbeiter. Und den Unternehmen die Unternehmer?

Schon seit Jahren. Deutschland hat, wie internationale Studien zum Unternehmertum zeigen, nicht nur ein Gründerproblem - da liegen die Deutschen im hinteren Drittel der Länder mit einer innovationsbasierten Wirtschaft -, sondern auch ein Übernahmeproblem. Es steht nicht besonders gut um die Unternehmensnachfolge. Namentlich im Osten schätzen Experten ein, dass es zahlreichen kleinen Firmen an einem »Übergabefahrplan« mangelt.

Nach den jüngsten Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn erwirtschaften bundesweit von den 3,5 Millionen Familienunternehmen 730.00 - also ein Fünftel - mindestens 50.000 Euro Jahresgewinn und gelten damit als übernahmewürdig. Bei 110.000 von ihnen steht 2010 bis 2014 eine Übernahme an - also bei jedem siebten größeren Unternehmen. 1,4 Millionen Beschäftigte sind unmittelbar betroffen.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn in den neuen Ländern dominieren Klein- und Kleinstunternehmen. Von den 430.500 Betrieben mit wenigstens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat die Hälfte weniger als fünf Mitarbeiter. In den alten Ländern gehören in diese Größenklasse nur 42 Prozent der Betriebe. Es versteht sich, dass in den ostdeutschen Kleinbetrieben die Nachfolge größere Schwierigkeiten bereitet.

Hinzu gesellt sich ein Sonderproblem Ost. Die Gründer sind in die Jahre gekommen: Wer nach der Wende den Mut hatte oder wem nach einer Entlassung nichts übrig blieb, als sich wirtschaftlich selbständig zu machen, der dürfte nun zu den Senioren gehören. Die Unternehmerlücke Ost wird zwar unterschiedlich beziffert, die IfM-Zahlen markieren die unterste Grenze, aber Experten sind sich einig: Es besteht großer Handlungsbedarf.

W&M beginnt in dieser Ausgabe eine Beitragsserie mit Unternehmensporträts, Analysen und Ratgeber-Beiträgen zu diesem Thema. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Ihre Erfahrungen in Sachen »Stabwechsel« allen Leserinnen und Lesern mitteilen würden - und sie so mit ihnen teilten.

Herzlichst

Ihr Helfried Liebsch

GESPRÄCH

»Werkstatt Ost, das trifft es besser«

Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, über 20 Jahre Einheit, Flurschäden der einstigen Abschottung und den immensen Innovationsdruck in den neuen Ländern

W&M: Herr Professor, vor 20 Jahren wurde die deutsche Einheit politisch besiegelt. Ist die Bilanz, wie dieser Tage zum Beispiel der »Süddeutsche Zeitung« zu entnehmen ist, enttäuschend?
Karl-Heinz Paqué: Nicht die Bilanz der beiden Jahrzehnte ist enttäuschend, sondern die Erwartungen waren viel zu hoch. Anfang der 90er Jahre herrschte im Westen das Gefühl vor, jetzt kommt der Osten! Die werden uns schnell einholen. Das konnte so nicht eintreten.

W&M: Warum nicht?
Karl-Heinz Paqué: Der Flurschaden von 40 Jahren Abschottung vom Weltmarkt ist größer, als es damals absehbar war. Die Wirtschaftsregion Mitteldeutschland war vor dem Zweiten Weltkrieg die Nummer zwei in Deutschland, knapp hinter dem Rheinland und weit vor dem heutigen Baden-Württemberg. Es war eine hochinnovative Region. Dort wieder hinzukommen erweist sich als sehr, sehr schwierig. Dafür ist das, was erreicht wurde, sehr beachtlich.

W&M: Beachtlich? Noch immer klafft bei allen relevanten Wirtschaftdaten eine deutliche Lücke zwischen Ost und West.
Karl-Heinz Paqué: Der Osten liegt inzwischen bei 70 bis 80 Prozent des Produktivitätsniveaus im Westen. Eine wettbewerbsfähige Industrie ist entstanden, aber sie ist noch zu klein und zu kleinteilig. Zwischen Dresden und Stuttgart liegen eben doch noch Welten.

W&M: Betriebe, die wir im Osten dem Mittelstand zuordnen, werden in Süddeutschland zum Kleinstand gerechnet. Da ist kaum Boden gutgemacht, oder?
Karl-Heinz Paqué: Größe kann man nicht erzwingen, Größe muss wachsen. In der Entwicklung von Wirtschaftsstrukturen sind 20 Jahre nicht viel.

W&M: Viele Experten teilen Ihre optimistische Einschätzung nicht. Legen sie nur eine andere Elle an in den Aufbau Ost?
Karl-Heinz Paqué: Diese Experten vergleichen mit einem Nirvana, einem wunderbaren, aber nicht erreichbaren Zustand. Sie sehen in der Entwicklung im Osten eine Kette falscher wirtschaftspolitischer Entscheidungen in den 90er Jahren. Sie zeigen nicht, welche realistische Alternative es hätte geben können.

W&M: War alles, wie es gelaufen ist, wirklich ohne Alternative?
Karl-Heinz Paqué: Die Freiheit nach dem Mauerfall war nicht nur Freiheit im Denken, das hieß auch Mobilität und Freizügigkeit. Von da an konnte jeder junge Mensch im Osten sich entscheiden, in den Westen zu gehen und dort an modernen Anlagen mindestens das Dreifache zu verdienen. So zu tun, als hätte man Ostdeutschland mit einem sehr niedrigen Lohnniveau besser entwickeln können, ist ein Irrtum. Die Leistungsträger wären dann einfach gegangen. Im übrigen hat sich auf betrieblicher Ebene ein hohes Maß an Flexibilität entwickelt. Der Flächentarifvertrag zerbröselte schnell.

W&M: Ist aus der damaligen Not heute wirklich eine Tugend geworden?
Karl-Heinz Paqué: Zumindest ein großer Vorteil! Diese Flexibilität charakterisiert heute die Wirtschaft Ost und hat Rückwirkungen auf den Westen. Wenn Deutschland aktuell so gut mit der globalen Finanzkrise umgehen kann, hängt das auch mit der Flexibilität zusammen, die durch die Hintertür über Ostdeutschland hereingekommen ist.

W&M: 1,5 Billionen Euro sind bisher aus dem Westen in den Osten transferiert worden. Hat sich das gelohnt?
Karl-Heinz Paqué: Es ist ganz einfach: Ohne die gigantische Wirtschaftsförderung gäbe es die ostdeutsche Industrie nicht mehr. Dabei ist auch zu bedenken, dass weit mehr als die Hälfte der Kosten durch die Renten- und Sozialkassen entstanden. Und dies war vor allem das Ergebnis der Anerkennung der Lebensleistung der DDR-Bürger.

W&M: Wird es doch noch etwas mit Kohls »Blühenden Landschaften«?
Karl-Heinz Paqué: Ich bin Realist. Der Osten hat die Chance aufzuholen, wie jede strukturschwache Region des Westens auch. Aber das dauert 30, 40 Jahre, oder noch länger. Wir sind in den neuen Bundesländern noch lange nicht am Ende der Fahnenstange. Die Zeit neuer Ansiedlungen und Erweiterungen der Industrie ist noch lange nicht vorbei.

W&M: Welche grundlegenden Erkenntnisse hat der Wirtschaftswissenschaftler aus dem Transformationsprozess von der Plan- zur Marktwirtschaft gewonnen?
Karl-Heinz Paqué: Zunächst gilt: Der Prozess war historisch einmalig, und die Lehren sind deshalb begrenzt. Eine Erfahrung ist sicherlich, dass der enorme wirtschaftliche Anpassungsdruck im Osten dazu geführt hat, dass auch im Westen nicht alles so geblieben ist, wie es war. Deutschland als Ganzes hat sich verändert, und zwar zum Positiven.

W&M: Trotzdem - der Abstand im Lohnniveau zwischen Ost und West hat sich in den letzten Jahren nicht verkürzt, in fast allen Rankings hinkt der Osten hinterher. Wird es auf dem letzten Teilabschnitt hin zu gleichwertigen Verhältnissen immer schwieriger?
Karl-Heinz Paqué: Das ist fast immer so beim wirtschaftlichen Aufholen. Nehmen wir z.B. Südkorea, ein Land das sich in vier Jahrzehnten sehr dynamisch entwickelt hat. Aber Südkorea ist trotzdem noch nicht da, wo Westdeutschland oder die USA stehen. Auch innerhalb von Ländern gilt das: Der Alte Süden der USA hat gegenüber Kalifornien und Neuengland aufgeholt, aber er hat die innovativen Kernregionen noch lange nicht erreicht. Die mittlere Phase des Aufholens ist leichter als die Schlussphase. Zunächst entsteht eine neue Infrastruktur, und es wird Industrie angesiedelt.

W&M: Verlängerte Werkbänke?
Karl-Heinz Paqué: So ist es. Natürlich sind viele Industrieansiedlungen zunächst einmal nicht mehr als moderne Produktionsstätten für Standardisiertes. Der Bayer-Konzern lässt im Osten Aspirin herstellen. An neuen Pharmaprodukten geforscht wird aber in Leverkusen. Es ist bisher noch nicht gelungen, in den neuen Ländern eine starke Innovationskraft zu etablieren.

W&M: Das eigentliche Problem?
Karl-Heinz Paqué: Ja. Unternehmen können heute am Markt nur noch dynamisch wachsen, wenn sie etwas Neues machen, eben Produkte mit hohem Innovationswert. Ostdeutschland erreicht aber bei den Forschungsausgaben noch immer nur die Hälfte der Pro-Kopf-Ausgaben im Westen. Die Innovationskraft ist deshalb massiv auszubauen. Das dauert nicht eine Generation, sondern mindestens zwei. Auch Südbayern brauchte dafür einige Jahrzehnte.

W&M: Die Voraussetzungen dafür werden nicht besser. Der Solidarpakt und die Transfers in den Osten laufen 2019 aus. Was kommt dann? Ein Finanzloch?
Karl-Heinz Paqué: Die Transfergelder sind vor allem zum Ausbau der Infrastruktur eingesetzt worden, der wird 2019 fast abgeschlossen sein. Der eigentliche Aufbau Ost ist beendet, die Werkstatt Ost muss aber noch wachsen. Es bedarf dafür weiterhin Gelder für die Stärkung der Innovationskraft. Dies muss nicht nur im Osten den Kern einer neuen regionalpolitischen Philosophie bilden.

W&M: Ein großes Wort - was verstehen Sie darunter konkret?
Karl-Heinz Paqué: Nicht der Bau von Straßen, sondern die Entwicklung von Ideen muss gefördert werden. Nehmen wir zum Beispiel die Exzellenzoffensive des Bundes in der Forschung. Sie ist richtig und wichtig, darf aber nicht nur den etablierten Zentren in Südwestdeutschland zugute kommen. Dort bestehen heute schon ausgezeichnete Netzwerke zwischen der Wirtschaft und den Hochschulen. In Dresden, Jena oder Magdeburg ist dies schwieriger, wegen der Schwäche der Industrie. Aber das Potenzial ist da.

W&M: Noch mal - wie kann die Finanzlücke nach 2019 geschlossen werden?
Karl-Heinz Paqué: Mit strikter Haushaltsdisziplin im konsumtiven Bereich, bei Ländern und Kommunen. Auch alle Investitionsvorhaben müssen auf den Prüfstand. Das, was bleibt, muss vor allem auf die Innovationskraft und den Standortwettbewerb konzentriert werden.

W&M: In 20 Jahren haben sich die Regionen unterschiedlich entwickelt. Gießkannen-Förderung ist passé. Was wird zum Beispiel aus der Uckermark?
Karl-Heinz Paqué: Die ostdeutsche Wirtschaft besteht im Grunde aus zwei unterschiedlichen Bausteinen: Da sind industrielle Cluster - innovativ, aber noch zu klein; und da ist die Autobahn-Ökonomie, also all die Gewerbegebiete entlang der großen Verkehrsachsen wie die A2, die A 4, die A 9 oder die A14. Beides ist wichtig, schafft Wachstum und Arbeitsplätze, verdient Förderung.

W&M: Die Frage ist, was aus den anderen Regionen wird.
Karl-Heinz Paqué: Die haben es am schwierigsten. Allerdings gibt es auch dort Bürgermeister, die unternehmerisch denken und ihre Gewerbegebiete gut vermarkten. Sie darf man nicht völlig abkoppeln. Ein gesunder Standortwettbewerb gehört zur Marktwirtschaft. Die Uckermark einfach abzuschreiben, das macht keinen Sinn.

W&M: Innovation in Ostdeutschland, das heißt, Forschung und Entwicklung in kleinen Betrieben. Wie soll das funktionieren?
Karl-Heinz Paqué: In Friesland, in der Eifel oder im Bayerischen Wald gibt es ähnliche Strukturprobleme. Start-Up-Unternehmen sind zu fördern, Forschungsstrukturen zu erhalten und zu stärken. Das ist nicht einfach, denn erfolgreiche kleine Unternehmen werden leicht von großen aufgekauft, und dann verlagert sich die Produktion in die etablierten Zentren. Es kommt also im ersten Schritt darauf an, das Entstehen neuer Ideen zu unterstützen, auch mit Risiko- und Beteiligungskapital. Im zweiten Schritt müssen sich Strukturen verfestigen. Da kommt es auch auf die Wirtschaftsfreundlichkeit vor Ort an. Ein guter Bürgermeister kann da eine Menge erreichen.

W&M: Sie sehen auch bei Ansiedlungen noch Luft nach oben - was ist zu tun?
Karl-Heinz Paqué: Es geht um eine professionelle Betreuung von Investoren. Der Osten punktet vor allem mit wenig Bürokratie und kurzen Wegen zu Behörden und Entscheidungsträgern. Da zählen offene Türen, Schnelligkeit und persönlicher Einsatz der zuständigen Minister. Das können Sie nicht in Förderprogramme schreiben.

W&M: Der Mittelstand in Südwestdeutschland ist sehr gut untereinander vernetzt. Welchen Stellenwert haben Netzwerke im Osten?
Karl-Heinz Paqué: Es gibt inzwischen auch im Osten sehr viel Kommunikation und Initiativen innerhalb von Branchen, z.B. in der chemischen Industrie. Aber Netzwerke allein reichen nicht. Die Ideen und Innovationskraft müssen schon aus den Unternehmen selbst kommen, und davon müssen genug da sein. Sonst gibt es nur nette Talk-Runden.

W&M: Sie nennen Innovationen ganz oben auf der Agenda Ost. Warum ist dann der Aufbau Ost institutionell im Bundesinnenministerium angesiedelt?
Karl-Heinz Paqué: Es gibt unterschiedliche Aspekte der Deutschen Einheit, darunter eine Menge Fragen, die mit Wirtschaft wenig zu tun haben. Probleme der ostdeutschen Wirtschaft ähneln zunehmend den Problemen strukturschwacher Regionen in Westdeutschland. Der Aufbau Ost ist zur Werkstatt Ost geworden. Werkstatt Ost, das trifft es besser. Sie ist die zweite Stufe der deutschen Einheit.

W&M: Ihrem Buch »Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus« dürfte angesichts weltweit knapper werdender Ressourcen Widerspruch sicher sein. Worum geht es Ihnen?
Karl-Heinz Paqué: In dem Buch befasse ich mich explizit mit dieser Frage. Die ganze Wirtschaftsgeschichte ist eine Geschichte des Kampfes gegen die Ressourcenknappheit. Wir überwinden sie nur durch neues Wissen. Und Wissen wird entwickelt durch Wachstum. Es schafft Ideen und macht Innovationen erst bezahlbar. Es ist das Wachstum, das letztlich die Probleme der Knappheit löst.

W&M: Ressourcenknappheit, Öko-Katastrophen wie im Golf beflügeln das Wissen?
Karl-Heinz Paqué: Wirtschaft ist ein Kampf mit Risiken und Knappheiten. Und wenn die nicht deutlich werden, passiert gar nichts. Im 18. Jahrhundert hatten sich in Großbritannien die Preise für Holzkohle verzehnfacht. Das gab den Ausschlag, damit zu beginnen, Steinkohle zu verbrennen, die reichlich und in guter Qualität vorhanden war. Damit begann die Industrialisierung, durch eine Energiekrise. Vor einer Generation waren es dann die Ölkrisen im Westen, die neue Lösungen forderten. Krisen, die oft als Schock empfunden werden, stoßen Entwicklungen an.

W&M: Das gilt auch für die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise?
Karl-Heinz Paqué: Natürlich. Die Vorstellung, Renditen von 25 bis 30 Prozent, wie sie Deutsche-Bank-Chef Ackermann eine Zeitlang vorschwebten, über längere Zeiträume zu erzielen, das funktioniert nicht. Man hat erkannt, dass Geschäftsmodelle, die auf einer systematischen Inkaufnahme dieser Risiken fußen, unseriös sind. Das ist eine wichtige Lehre.

W&M: Ersetzt sie die stringente Regulierung der Finanzmärkte?
Karl-Heinz Paqué: Nein, aber riskante Subprime-Anlagen bei Immobilien werden die Banken auf lange Sicht ohnehin scheuen. Noch wichtiger ist eine andere Erkenntnis: Länder, deren Entwicklung auf einer gesunden, im Weltmarkt integrierten Industrie basiert - wie Deutschland oder Österreich - haben keine grundlegenden Probleme. Sie haben Einbrüche bei den Exporten erlebt, erholen sich aber wieder davon.

W&M: Was lernen Ost-Unternehmen daraus?
Karl-Heinz Paqué: Daran zu arbeiten, zu einer soliden Innovationskraft zu kommen und differenzierte hochwertige Produkte in den Weltmarkt zu bringen.

W&M: Da reift das nächste Problem heran - der Fachkräftemangel.
Karl-Heinz Paqué: Eine Knappheit an Fachleuten ist mir lieber als Massenarbeitslosigkeit. Das Problem zwingt den Staat, die Schulen zu verbessern, und die Unternehmen, in Ausbildung zu investieren.

W&M: Welche Nachwehen hat die Krise für die ostdeutsche Wirtschaft?
Karl-Heinz Paqué: Es gibt einen Rückschlag im Osten, zweifellos. Bis im Westen die Kapazitäten wieder ausgelastet sind, wird es spürbar weniger Investitionen im Osten geben. Aber danach wird es weitergehen. Auf lange Sicht ist die Krise nicht der entscheidende Punkt. Heute werden zehn Prozent der Industrieproduktion Deutschlands im Osten erwirtschaftet. Das zählt, aber es reicht nicht. Da muss künftig noch mehr kommen.

W&M: Herr Professor, wir danken für das Gespräch.

INTERVIEW

Gasverkauf bleibt Kerngeschäft

GASAG-Vorstand Olaf Czernomoriez zur Liberalisierung des Gasmarktes, zum Engagement in Berlin und Dem Umbau des Unternehmens

W&M: Herr Czernomoriez, im Zuge der Liberalisierung der Energiemärkte geriet die GASAG wie andere Versorger von Strom und Gas in puncto Preisentwicklung zeitweilig in die Schlagzeilen. Was war die Ursache?
Czernomoriez: Ich glaube, die gesamte Energiebranche hat zu spät kommuniziert, dass mehr Wettbewerb auf liberalisierten Märkten nicht automatisch fallende Preise zur Folge hat. Dieses Versäumnis hat uns in der politischen Diskussion um das Für und Wider regulierter Netze zeitweilig weit zurückgeworfen und Imageverluste beschert.

W&M: Dabei geriet auch die GASAG, wie bekannt, in das Visier der Kartellaufsicht und musste ein neunmonatiges Verfahren über sich ergehen lassen. Wie ist es ausgegangen?
Czernomoriez: Wir haben gegenüber dem Bundeskartellamt erfolgreich nachweisen können, dass unser Unternehmen keine überhöhten Preise von seinen Kunden verlangt. Das Verfahren wurde 2010 endgültig eingestellt.

W&M: Was hat Ihnen dabei geholfen?
Czernomoriez: Dass wir Netz und Vertrieb bereits eineinhalb Jahre vor Inkrafttreten der gesetzlichen Regelungen strikt getrennt und gleichzeitig drastische Maßnahmen zur effizienten Netzführung eingeleitet haben. Bereits vorher hatten wir begonnen, das Unternehmen umzubauen und relevante Dienstleistungsbereiche wie das Abrechnungswesen oder diverse technische Dienstleistungen auszugründen und mit eigenen Organisationen am Markt zu platzieren. Der letzte große Schritt zur Verschlankung des Konzerns wurde 2006 mit der Gründung einer eigenständigen Netzgesellschaft vollzogen. Die daraus resultierenden Effekte kommen dem Unternehmen heute zugute.

W&M: Hat der GASAG die Öffnung ihres angestammten Marktes in Berlin und Brandenburg Wettbewerbsverluste beschert?
Czernomoriez: Selbstverständlich. Das ist auch ganz normal. Denn wir haben inzwischen auf unserem Kernmarkt eine hohe Angebotsdichte von konkurrierenden Versorgern. Wir haben den Wettbewerb fair angenommen.

W&M: Wie gehen Sie mit dieser veränderten Wettbewerbssituation um?
Czernomoriez: Indem wir den Fokus unserer Wachstumsstrategie nicht mehr nur wie früher auf Berlin und Brandenburg, sondern auf den deutschen Markt ausgerichtet haben und zusätzliche Energiedienstleistungen anbieten.

W&M: Spiegelt sich das bereits in Ihrem Betriebsergebnis wider?
Czernomoriez: Ja, obwohl Berlin mit 70 Prozent noch immer maßgeblich zum Ertrag der GASAG beiträgt, realisieren wir immerhin bereits 30 Prozent aus Brandenburg und unseren deutschlandweiten Aktivitäten.

W&M: Soll dieser Anteil weiter wachsen?
Czernomoriez: Der deutschlandweite Anteil muss weiter wachsen, weil der Wettbewerb in Berlin weiter zunehmen wird. Nirgendwo sonst als in der Metropole Berlin mit ihrer hohen Konzentration an guten Kontaktmöglichkeiten finden unsere Wettbewerber einen so interessanten und vielfältigen Markt.

W&M: Mit welchen Produkten wollen Sie Ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter erhöhen?
Czernomoriez: Die Beschaffung und die Verteilung von Gas ist unsere Hauptkompetenz. Doch daneben werden wir auch mit speziellen Dienstleistungen in der Energieberatung, im Speicher-, Contracting- und Netzgeschäft und besonders im Bereich der Erneuerbaren Energien bemüht sein, auf die Kundenwünsche einzugehen, um einen zusätzlichen Wertbeitrag zu erwirtschaften.

W&M: Bedeutet das eine Kehrtwende Ihrer bisherigen Strategie, Engineering-Dienstleistungen im Interesse der Stärkung des Kerngeschäfts auszugliedern?
Czernomoriez: Was wir früher unter Kerngeschäftsgedanken nach außen gegeben haben, war richtig. Aber in letzter Zeit hat sich der Markt verändert. Zunehmend werden nicht mehr nur allein Gas, sondern komplette Lösungen zum effizienteren Einsatz von Gas und Wärme beziehungsweise zur gezielten Steuerung von Netzen nachgefragt.

W&M: Verfügen Sie dafür bereits über die notwendige Manpower?
Czernomoriez: Wir haben bereits Kompetenzen aufgebaut und darüber hinaus erhebliche Ingenieur-Kapazitäten in der Ausschreibung, weil der Wissensvorsprung zum Beispiel unserer Netzgesellschaft ermöglicht, mit Dienstleistungen außerhalb der Regulierung, zum Beispiel für Stadtwerke, interessante Angebote, etwa im Bereich der Meldestellenorganisation, zu machen. Zur Verstärkung der Schlagkraft im eigenen Haus werden wir dafür zunehmend auch Kooperationen und Partnerschaften mit Ingenieurbüros und anderen Dienstleistern eingehen.

W&M: Gegenwärtig denken viele mittlere und kleine Stadtwerke ernsthaft darüber nach, nach dem Auslaufen der Konzessionen für große Versorger ihre Netze im Alleingang oder mit Partnern zu rekommunalisieren. Welche Chancen zur Expansion eröffnet diese Entwicklung der GASAG?
Czernomoriez: Ganz klar, wenn Kommunen beabsichtigen, ein Stadtwerk zu gründen und/oder ihr Netz zurückzukaufen, stehen wir ihnen mit unseren Konzerntöchtern als Partner für diesen Prozess mit vielfältigen Dienstleistungen zur Verfügung.

W&M: Ist es vor dem Hintergrund der laufenden Diskussion denkbar, dass auch der Berliner Senat Überlegungen anstellt, eines Tages Teile der privatisierten GASAG wieder zurückzukaufen?
Czernomoriez: Wir sind darüber auf Senatsebene in der Diskussion. Dabei geht es aber auch um intelligente Lösungen der Mitwirkung von Politik an einem Versorger, der private Eigner hat. Unabhängig vom Ausgang dieser Gespräche und von bestehenden Eigentumsverhältnissen fühlen wir uns für den Ausbau einer leistungsfähigen Infrastruktur in der Hauptstadt verantwortlich und bereit. Mit unserem Know-how können wir zu einer nachhaltigen und effizienten Energieversorgung unserer Stadt wesentlich beitragen. Und das in Partnerschaft mit dem Berliner Senat. In welcher Form auch immer. Wir stehen bereit.

W&M: Konkret?
Czernomoriez: Das betrifft nicht nur unser umfangreiches Engagement in gesellschaftlichen Projekten, sondern vor allem unsere aktive Mitwirkung an der Realisierung von Klimaschutzzielen des Berliner Senats. So haben wir zur Senkung der Feinstaubbelastung in der Stadt mit dafür gesorgt, dass Berlin über das dichteste Erdgas-Tankstellennetz Deutschlands verfügt und gegenwärtig zirka 4.000 Kraftfahrzeuge Erdgas statt Benzin oder Diesel tanken. Inzwischen mischen wir dem Erdgas an den Tankstellen 20 Prozent Bio-Erdgas bei. Seit 1998 haben wir insgesamt durch verschiedene Maßnahmen eine Million Tonnen CO2 eingespart.

W&M: Welche Rolle spielt zur Erreichung der Klimaschutzziele speziell der Einsatz von Grüner Energie?
Czernomoriez: Wir erzeugen Bio-Erdgas in Brandenburg und transferieren es nach Berlin. Außerdem investieren wir in Fotovoltaikanlagen und prüfen Tiefen-Geothermie-Projekte. Wichtige Vorhaben im Rahmen unserer Aktivitäten im Bereich regenerativer Energieerzeugung.

W&M: Halten Sie den verstärkten Einsatz von Grüner Energie für zielführend?
Czernomoriez: Ja, aus zwei Gründen: Erstens, weil Gas mit dem wachsenden Energiebedarf aufstrebender Schwellenländer wie China und Indien wieder knapp und teuer werden wird. Und zweitens, weil es notwendig ist, nachhaltig einen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele in Deutschland zu leisten.

W&M: Welche Verantwortung kommt auf diesem Weg dabei der Politik zu?
Czernomoriez: Sie muss ehrlich sein und darf der Öffentlichkeit nicht verschweigen, dass der Umbau des Energieportfolios in den nächsten zwanzig Jahren nicht umsonst zu haben sein wird. Dass wird zweifellos Auswirkungen auch auf den Energiepreis haben.

W&M: Welchen Stellenwert wird in Zukunft Gas im Energiemix spielen?
Czernomoriez: Das hängt von der internationalen Marktentwicklung ab, auf die wir von Deutschland aus nur einen bedingten Einfluss haben.

W&M: Heißt das, der Gaspreis wird trotz anhaltender intensiver Diskussionen, die dazu weltweit geführt werden, auch in Zukunft an das Öl gekoppelt bleiben und damit weiterhin schwer im Voraus zu kalkulieren sein?
Czernomoriez: Das halte ich für realistisch, weil Langfrist-Preisformeln an Langfrist-Investitionen gekoppelt sind. Diese Tatsache schließt jedoch nicht aus, dass der Anteil freier Gasmengen am Gesamtaufkommen weiter wachsen wird. Jüngste Studien sagen ein Verhältnis von 70 : 30 voraus.

W&M: Wird diese Entwicklung zum Vorteil des Kunden gereichen?
Czernomoriez: Nur solange der Gaspreis auf dem Spotmarkt den Öl- gebundenen Preis unterbietet. Dreht sich der Markt, was in der Vergangenheit schon geschah, müssen Versorger teure Mengen auf dem freien Markt zukaufen.

W&M: Gegenwärtig wird über die Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken diskutiert. Wird die ausstehende Entscheidung Ihre Investitionsstrategie beeinflussen?
Czernomoriez: Die Verlängerung der Laufzeiten würde auf jeden Fall den Bau von neuen Kraftwerken, auch von Gaskraftwerken, bremsen. Dagegen erfordert der forcierte Ausbau der Windkraft die Errichtung schneller Kraftwerke und dafür notwendige Speicherkapazitäten zur Stabilisierung der Grundlast. Für uns, glaube ich, resultiert aus beiden Szenarien eine positive Prognose.

W&M: Können Sie denn mit einer Laufzeitverlängerung rechnen?
Czernomoriez: Ja, aber sie wird wahrscheinlich sehr moderat ausfallen, weil darüber im Bundesrat entschieden wird und dort die Fürsprecher, bedingt durch den Wahlausgang in Nordrhein-Westfalen, möglicherweise mehr Probleme haben werden als erwartet.

W&M: Herr Czernomoriez, Sie arbeiten seit 17 Jahren im Unternehmen. Was hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert?
Czernomoriez: Zu Beginn der Privatisierung hatten wir um die 100 Millionen Euro Verluste im Jahr - 2009 waren es rund 90 Millionen Euro Gewinn. Der Turnaround wurde bereits zwei Jahre nach der vollständigen Privatisierung 1998 im Jahr 2000 erreicht. Und das bei sinkenden Preisen für unsere Kunden.

W&M: War beim Umbau des Unternehmens die Liberalisierung des Marktes ein produktiver Treiber?
Czernomoriez: Auf jeden Fall. Durch die rechtzeitige Umstrukturierung unseres Unternehmens war die GASAG auf den Wettbewerb gut vorbereitet. Wir haben den Wettbewerb immer auch als Chance begriffen. Nicht nur unsere deutschlandweit gute Aufstellung, die Entwicklung neuer Geschäftsfelder, sondern auch spannende Dienstleistungsangebote für unsere Kunden in ganz Deutschland lassen uns sehr optimistisch in die Zukunft blicken.

Standort Ostdeutschland

Zwischen Dynamik und Demografie-Schock

Zum 3. Oktober hin häufen sich die Erfolgsbilanzen von 20 Jahren Einheit. Experten konstatieren indes, dass sich infolge der Krise der Ost-West-Abstand wieder vertieft, der erste Demografie-Schock in der Wirtschaft Ost ankommt. Eine Bestandsaufnahme.

Nach der Feier ist vor der Feier. Nachdem 2009 der 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert wurde, ist nun der Einheitsgeburtstag in den Fokus gerückt. Das Bundesinnenministerium hat einen Film in Auftrag gegeben, es besteht wohl keine Gefahr, dass er allzu kritisch ausfällt. Auch der Ostdeutsche Bankenverband hat unter der Überschrift »Agenda 2020 für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland - Was ist erreicht, was ist zu tun?« jetzt eine Bilanz vorgelegt. Er kommt zu dem Schluss, dass sich seit 1990 das »Wohlstandsniveau in Ostdeutschland sehr deutlich erhöht« hat. Der Osten sei heute wirtschaftlich auf Augenhöhe mit einigen westeuropäischen Regionen, der Transformationsprozess von der Plan- zur Marktwirtschaft erfolgreich bewältigt. Seit Mitte der 90er Jahre konstatiert der Verband eine »kontinuierliche Reindustrialisierung« und heute eine »breite, auf In- und Auslandsmärkten gut aufgestellte Unternehmenslandschaft«. Aufgeholt (Abb. 1) und alles im Lot?

Im Alltag scheint diese positive Sicht auf 20 Jahre deutsche Einheit noch nicht angekommen zu sein. Von Stolz kaum eine Spur. Dieser Tage besichtigte das Magazin der »Süddeutschen Zeitung« die deutsch-deutsche Grenze. Allerdings nicht die Relikte von Mauer und Stacheldraht, sondern die gefühlte Ost-West-Grenze 2010: 64 Prozent der Ostdeutschen sehen sich als Bürger zweiter Klasse, drei von vier empfinden sich als gegenüber Westdeutschen benachteiligt. Ostdeutsche machen zwar 20 Prozent der Bevölkerung aus, aber weniger als fünf Prozent der Elite. Selbst im Osten sind es nur 30 Prozent.

Außer Kanzlerin Angela Merkel - die Inkarnation der die Regel bestätigende Ausnahme - sitzen im Kabinett nur westdeutsche Politiker. Keiner der Bundesverfassungsrichter kommt aus dem Osten, kein Chefredakteur einer überregionalen Tageszeitung. 95 Prozent der Professuren in den Geistes- und Sozialwissenschaften sind - auch im Osten - von Westdeutschen besetzt. Es gibt lediglich ein Feld, wo es anders ausssieht: das Gefechtsfeld. Fast 50 Prozent der Bundessoldaten im Auslandseinsatz stammen aus dem Osten. Selbstverständlich keiner der dort befehlenden Generäle.

Das Magazin kommt zu dem Schluss, dass die Bundesrepublik alt eine »Geschlossene Gesellschft« geblieben ist, die Ostdeutschen nichts zu sagen haben - dafür aber ein »Diskriminierungsproblem«. Das hat auch eine ökonomisch-soziale Dimension: Im Osten ist der Niedriglohnsektor doppelt so groß wie im Westen, die Billiglöhne sind deutlich geringer, 4,86 Euro im Durchschnitt pro Stunde im Osten, fast sieben Euro im Westen. Die Beispiele könnten schier endlos fortgeschrieben werden.

Wechsel der Perspektive

Gleichwohl ist das positive Verbands-Fazit nicht einer Wahrnehmungsstörung geschuldet. Es gründet sich wesentlich auf Perspektivenwechsel. Über Jahre wurde der Entwicklungsstand der neuen Länder verglichen mit dem Niveau der alten - angelehnt an die grundgesetzlich angestrebte »Gleichwertigkeit« oder gar »Einheitlichkeit« der Lebensverhältnisse in Deutschland. Im Bemühen darum, ein »realistisches Bild von den Fortschritten zu erhalten« (Bankenverband) wird jedoch jüngst verstärkt mit der Ausgangssituation vor 20 Jahren verglichen - und anderen europäischen Regionen. Namentlich mit den östlichen Nachbarn, die ähnliche Transformationsprozesse durchlaufen haben wie Ostdeutschland.

Was Wunder, dass sich unter diesem Blickwinkel das Bild aufhellt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner in Ost- und Westdeutschland hat sich danach seit 1991 von einem Drittel auf 70 Prozent 2009 erhöht. Der Strukturwandel ist vorangeschritten und das verarbeitende Gewerbe zum Wachstumsmotor geworden. Auch da verhilft laut Bankenverband eine Erweiterung des betrachteten Feldes zu einer anderen Bewertung.

Der Vergleich der ostdeutschen Wirtschaftsstruktur mit der »richtigen« Struktur des westdeutschen Gebietes sei durch den Blick auf ganz Europa zu ergänzen, schreiben die Autoren des Bilanzpapiers. So liege der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung in Frankreich bei 14 Prozent und auch in Großbritannien oder den Niederlanden niedriger als im Osten Deutschlands, in Tschechien jedoch bei 30 Prozent und damit sogar höher als im Westen der Bundesrepublik. Die erstgenannten Länder erzielen mit anderem Branchenmix ein ähnliches Pro-Kopf-BIP. Ein ernstzunehmender Einwand, der aber kaum Gehör finden dürfte. Die unvermeidlichen Rankings sprechen eine andere Sprache.

Auch das aller Miesmacherei unverdächtige Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt in einer Studie »20 Jahre deutsche Einheit« zu dem Schluss, dass noch großer Aufholbedarf besteht. Die durchschnittliche Produktivität Ost liegt nur bei rund 70 Prozent West. Der Lohnabstand hat sich in den vergangenen Jahren nicht verringert und die Arbeitslosigkeit ist zwar zurückgegangen, aber noch doppelt so hoch wie im Westen.

Den Produktivitätsrückstand führt Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Dresdner Niederlassung des Münchner Ifo-Institus, auf die Wirtschaftsstruktur zurück, die sich im Osten herausgebildet hat. Geprägt ist sie durch kleine Unternehmen, die im Regelfall mit ungünstigeren Kostenstrukturen arbeiten. Häufig fehlt es an wertschöpfungsintensiven Tätigkeiten, zum Beispiel Forschung und Entwicklung.

Und neues Ungemach droht. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) schätzt ein, dass sich mit dem jetzt begonnenen Aufschwung nach der Krise der Abstand zwischen Ost und West wieder vergrößert: »Die Tiefe der Krise wurde bislang im Osten unterschätzt«, sagt IWH-Ostexperte Udo Ludwig. Vor allem das verarbeitendende Gewerbe hat gelitten, dessen Wertschöpfung ist um 15 Prozent eingebrochen.

Die selben Faktoren, die den Osten krisenresistenter machten, dämpfen jetzt den Aufschwung. »Dass der Osten wieder schneller wächst wie in den neunziger Jahren, ist nicht in Sicht«, ergänzt der Konjunkturexperte. »Es wird einen Rückschlag geben«, prophezeit auch der Magdeburger Wirtschaftswissenschaftler Karl-Heinz Paqué im Gespräch (S. 10) mit Wirtschaft & Markt, verspricht aber zugleich: »Der Osten wird weiter aufholen«. So unterschiedlich das Erreichte auch bewertet wird, so einig sind sich die Experten, was die Herausforderungen der nächsten Jahre angeht. Die größten dürften sich aus dem demografischen Wandel und dem damit einhergehenden Fachkräftebedarf, dem Innovationsdruck und dem Ausbau der Kernkompetenzen ergeben. Der erste Demografie-Schock kommt laut Bankenverband derzeit in der Wirtschaft der neuen Länder an. Die Abwanderung hält an. Heute schon sind im Osten mehr als ein Viertel der Beschäftigten über 50 Jahre alt. Die Zahl der Schulabgänger hat sich innerhalb eines Jahrzehnts halbiert. (Abb. 3) Lehrstellen werden zu Leerstellen.

Unterdessen empfiehlt Handwerkerpräsident Otto Kenzler westdeutschen Schulabgängern, sich einen Ausbildungsplatz im Ost zu suchen. Anfang 2010 bestand nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln eine Ingenieurlücke von über 21.000 Personen. Im Osten konnten im Durchschnitt des vergangen Jahres 2.200 Stellen nicht besetzt werden.

FUE - ein angelpunkt

Das ist besonders fatal angesichts dessen, dass heute unternehmerischer Erfolg und Wettbewerbsstärke auf dem Weltmarkt maßgeblich von der Innovationsfähigkeit der Firmen abhängen. Eine Voraussetzung dafür sind Forschung und Entwicklung (FuE). Und da liegt der Hase im Pfeffer. Zwar ist die Forschungsintensität - die FuE-Ausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt - im europäischen Vergleich noch ganz ordentlich, aber im Vergleich zu den alten Bundesländern weit hinterher. (Abb. 2)

Hinzu kommt, dass das annehmbare Gesamtergebnis wesentlich von Forschungseinrichtungen und Hochschulen beeinflusst wird. In der Wirtschaft ist der Nachholbedarf beim FuE-Engagement immens. Die Ursachen dafür sind vielfach benannt - geforscht und entwickelt wird bei der Mutter im Westen, produziert mit Kostenvorteil bei der Tochter im Osten. »Für kleine ostdeutsche Unternehmen ist es daher besonders wichtig, Innovationsprojekte kostenmindernd im Rahmen von Kooperationen - auch unter Einbeziehung von Forschungsinstituten und Hochschulen - zu realisieren«, schreibt der Ostdeutsche Bankenverband.

Auch in diesem Zusammenhang wird es entscheidend sein, ob es den Unternehmen gelingt, ihre Kernkompetenzen auszubauen und zugleich auf den Zukunftsfeldern präsent zu sein. Vor allem auf jenen, die andere nicht schon unter sich aufgeteilt haben.

Lars Hellas

AUS GENFER SICHT

Lohnt sich mehr Lohn?

Von Heiner Flassbeck, Genf
Internet: www.flassbeck.com

Obwohl in diesem Jahr kaum neue Tarifverhandlungen für die deutsche Industrie anstehen, beginnt bereits eine breite Lohndiskussion. Alle Seiten positionieren sich und wie immer in solchen Phasen fährt der Großteil der deutschen Presse eine Kampagne zur Unterstützung der Arbeitgeber, die wiederum unter dem Stichwort »Facharbeitermangel« figuriert, aber natürlich suggerieren soll, höhere Löhne würden gar nichts helfen, weil es die Facharbeiter, die man für den Aufschwung braucht, gar nicht gibt.

Die einfache Wahrheit, dass in einer Marktwirtschaft immer die Preise steigen müssen, wenn ein Gut oder ein Produktionsfaktor knapp ist, ganz gleich ob es das Gut gibt oder nicht, gilt diesmal natürlich nicht. Marktwirtschaft benutzen wir nur so, wie es uns in den Kram passt. Folglich wird die Knappheit der Arbeit schnell überblendet von der Drohung für die Arbeitnehmer, jetzt würden die Grenzen geöffnet, um die Facharbeiter aus dem Ausland zu holen.

Diese Kampagne wurde in den letzten zwei, drei Aufschwungsjahren jeweils so plump vom Zaun gebrochen, dass eigentlich jeder die Absicht begreifen und gegen diesen Unfug protestieren müsste. Die Schrödersche »Greencard«, die genau aus einer solchen Kampagne hervorging, war der Flop des Jahrhunderts. Da es aber praktisch keine kritische Presse mehr gibt, ist es einigen Blogs wie den Nachdenkseiten.de vorbehalten, auf einen solchen Skandal hinzuweisen.

Die Arbeitgeber entblöden sich nicht, mit dem guten Abschneiden Deutschlands im Export zu prahlen, um weitere Lohnzurückhaltung zu begründen. So sagt Dieter Hundt, Präsident der deutschen Arbeitgeberverbände, die »angemessene Tarifpolitik der vergangenen Jahre« habe (durch Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit) dazu beigetragen, dass Deutschland vergleichsweise gut durch die Krise gekommen sei (im Rheinischen Merkur vom 5. August). Da fragt man sich, von welchem Land der Mann redet. Von dem Land, das mit über fünf Prozent einen der tiefsten Einbrüche überhaupt hatte? Von dem Land, das fast einhundert staatliche Milliarden aufgewendet hat, um seine Banken zu retten? Von dem Land, das seine Nachbarn wegen seiner hohen Wettbewerbsfähigkeit in eine so tiefe Krise getrieben hat, dass es auch dort nur mit hunderten von Milliarden gelang, das Auseinanderbrechen der Eurozone zu verhindern und damit den deutschen Export zu retten?

Aber auch die Gewerkschaften argumentieren ungeschickt und hasenfüßig. Im gleichen Rheinischen Merkur sagt Berthold Huber, Vorsitzender der IG Metall, »Bei den Einkommen nach der Krise maßhalten, wie es die Arbeitgeberfunktionäre fordern, ist ökonomisch kontraproduktiv, weil es den Binnenmarkt schwächt«. Da fragt man sich, wie das mit dem Binnenmarkt inmitten der Krise gewesen ist. Haben die Lohnzurückhaltung und die teilweise massiven Lohnkürzungen im vergangenen Jahr keinen Einfluss auf die Binnennachfrage gehabt und warum nicht? Gelten in der Krise andere ökonomische Gesetze?

Da merkt man, dass nicht nur für Arbeitgeber, sondern auch für Gewerkschaftsfunktionäre »Export« offenbar ein ganz besonderer Saft ist. Wenn man den Export durch »einen Beitrag der Beschäftigten«, so Huber, rettet, darf »in der Krise« auch der Binnenmarkt schwach werden. Dass Export irgendwo auf der Welt immer Binnennachfrage ist, und dass die deutschen Exporte von den anderen Ländern in letzter Konsequenz immer nur mit eigenen Exporten nach Deutschland (also Importen in Deutschland) bezahlt werden können, wird trotz Eurokrise immer noch nicht verstanden. Wer ernst genommen werden will mit seiner Argumentation, muss schon schlüssig bleiben. Er muss darauf hinweisen, dass weniger steigende oder gar sinkende Löhne immer unmittelbar geringere Binnennachfrage und geringere Importe bedeuten. Weil die Arbeitgeber bei sinkenden Löhnen - weder in der Krise noch im Aufschwung - sofort so viele Arbeitskräfte einstellen, dass die sinkende Nachfrage je Arbeitnehmer ausgeglichen würde, gibt es immer einen negativen Binnenmarkteffekt, der den kurzfristig positiven Exporteffekt konterkariert.

Dass jetzt ganz Deutschland über den neuerlichen Exportboom jubelt, ist mehr als erstaunlich, es ist erschreckend. Man weigert sich mit geradezu kindischer Trotzhaltung zu verstehen, dass die eigenen Exportüberschüsse woanders Importüberschüsse sind und neue Auslandsverschuldung bedeuten. Dass einige Medien lautstark verkünden, Deutschland ziehe mit seinem Exportboom ganz Europa aus dem Sumpf, ist mehr als kindisch, es ist zynisch oder dumm.

Mit Abstand das Tollste aber ist, dass in einer Zeit, da die einen konservativen Kreise den Facharbeitermangel beschwören, andere nicht minder konservative Kreise das Ende des Wachstums predigen. In einer Zeit, in der die größte deutsche Bank ohne jedes Zugeständnis an die Ursachen der Krise an ihrem Ziel festhält, eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent zu erreichen, wird den kleinen Leuten sozusagen von den Aktionären dieser Bank erklärt, sie sollten sich gefälligst mit dem zufriedengeben, was sie haben, mehr könne es in Zukunft einfach nicht mehr geben.

Die naheliegende Frage, wieso diejenigen, die schon fast alles haben, einen Zuwachs ihres Kapitals von 25 Prozent pro Jahr »brauchen«, während die weit weniger begüterten und die wirklich Armen sich mit dem begnügen sollen, was sie gerade haben, wurde, so weit ich es gesehen habe, in den deutschen Standardmedien nicht einmal gestellt. Die Eigentümer der Deutschen Bank fordern, dass ihr Einkommen aus Kapitalvermögen um 25 Prozent wächst, während man die Arbeitnehmer nach vielen Jahren mit extrem niedrigen Einkommenszuwächsen erneut mit einer Zahl nahe Null abspeisen will. Viele Menschen in den oberen Einkommensklassen haben offenbar jeden Sinn dafür verloren, wie weit man den einer Gesellschaft implizit zugrundeliegenden Vertrag strapazieren kann, bevor er reißt.

ZUR SACHE

Das vergessene Glück

Betrachtung zur wirtschaftlichen Lage
Von Dr. Klaus von Dohnanyi

Dr. Klaus von Dohnanyi In dieser Nähe zum 3. Oktober 2010 kann niemand für Wirtschaft & Markt schreiben, ohne das Auge erneut auf jene 20 Jahre zu richten, die seit der Wiedervereinigung verstrichen sind. So viel wurde in diesen Jahrzehnten geschaffen, so viel Einheit erneuert. Doch heute ist es Mode, nur noch über Missklänge zwischen Ost und West in Deutschland zu räsonieren.

So behauptete das Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 30. Juli dieses Jahres: »20 Jahre nach der Wiedervereinigung werden die Ostdeutschen systematisch diskriminiert: Sie haben keine Macht, keinen Einfluss und sie fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.« Als hätten wir keine Bundeskanzlerin aus Mecklenburg-Vorpommern! Und ist es denn vergessen, wie die Menschen in der ehemaligen DDR einst diskriminiert wurden? Als man ihnen verbot, das freie Wissen und die freien Worte der Welt zu teilen; als man sie zur scheinheiligen Anbetung politisch gewählter Götter zwang, damit sie den Beruf ihrer inneren Wahl ergreifen durften; als man sie gewaltsam vor der freien Welt verschloss und jene unmögliche Mauer zwischen der Liebe zweier Menschen, zwischen Eltern und Kindern, Freunden und ehemaligen Kollegen errichtete. Das nenne ich Diskriminierung! Und sie überwunden zu haben - das war das Glück der letzten zwei Jahrzehnte.

Es bleibt wichtig daran zu erinnern welches Glücksgefühl hereinbrach, als Mauer und Fesseln fielen. Manchem Nörgler täte es gut, die Fernsehberichterstattung vom 9. November 1989 wieder einmal anzuschauen. So könnte er die realistischen Maßstäbe zurückgewinnen, an denen wir die auch heute noch bestehenden Unterschiede zwischen Ost und West in Deutschland messen sollten.

Wer nämlich damals die DDR zum ersten Mal in Freiheit und mit offenen Augen erfuhr, der weiß was wir den billigen Kritikern des Aufbaus Ost entgegenhalten müssen: Die DDR war ein heruntergekommenes Land! Denn mit der Freiheit hatten die kommunistischen Herren der Sowjetunion und der DDR auch den Wohlstand vertrieben. Dabei meine ich nicht nur den privaten Lebensstandard des Konsums (den Ost- und Westdeutsche heute weitgehend teilen), sondern gerade den öffentlichen Wohlstand: Die Städte verfielen, die Flüsse waren vergiftet, die Lebenserwartung der Menschen war kürzer als im Westen, und die freie Teilnahme an der Gestaltung der Gesellschaft wurde von Parteibonzen blockiert.

Wie anders sieht der Osten Deutschlands heute aus und all das zähle ich zu dem, was ich das »vergessene Glück« nenne - denn es ist ein Glück, das zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Sicher, es gibt in den »neuen« Ländern noch viel zu tun, aber wir dürfen die Erfolge der Freiheit von den gewiss fortbestehenden Problemen der ehemaligen, gewaltsamen Teilung nicht immer undurchdringlicher überlagern lassen. Wer die DDR 1990 sah, der wusste, dass der Aufbau im Osten eine lange Durststrecke bedeuten würde: Ein Land ohne wettbewerbsfähige Produkte (etwa Trabbi gegen VW) und ohne kundengebundene Märkte (das hatte das Planungs- und Verteilungssystem des Comecon verhindert) musste nach dem Einbruch von Freiheit und Markt zwangsläufig mit einem langen Weg des Wiederaufbaus rechnen!

Die Menschen im Osten haben viel geleistet, um den Lebensstandard ihrer Region so nahe an den des alten Westens heranzuführen. Aber auch der Westen hat nach Kräften solidarisch geholfen und die Ostdeutschen auf ihrem schweren Weg nicht im Stich gelassen; die ostdeutschen Kombinate auch nicht »platt gemacht« oder den Osten »kolonisiert«, wie mitunter noch immer behauptet wird.

Die Menschen im Raum der ehemaligen DDR sind nicht »Bürger zweiter Klasse« - doch warum hat mancher Ostdeutsche heute dieses Gefühl? Ist es vielleicht eher selbst verursacht? Ich kenne nämlich mehr »Westdeutsche«, die gelegentlich Schwierigkeiten haben, sich in den »neuen« Ländern heimisch zu fühlen, als ehemalige Ostdeutsche, die im Westen Vorurteilen oder gar Ablehnung begegnen. Der Westen hat für Ostdeutsche auch kein Wort, das dem negativen Begriff des »Besser-Wessis« entspräche!

Ein Grund hierfür liegt vielleicht darin, dass die Gesellschaft der ehemaligen DDR noch sehr viel stärker von engen Zirkeln persönlicher Bekanntschaften und Freundschaften geprägt war als die der ehemaligen BRD. Was im Osten die Menschen über Betriebsgemeinschaften und Nachbarschaften eng verbunden hatte, das gab es im Westen so schon lange nicht mehr. Freundschaften waren hier auch über große Räume gewachsen, sie über Telefon und Auto aufrechtzuerhalten bot keinerlei Probleme; so war es auch für Ostdeutsche Ankömmlinge nach 1989 oft sehr viel einfacher sich im Westen heimisch zu machen, als es für so manchen offenen und gutmeinenden Westbürger war, ein behagliches neues Zuhause im neuen Osten zu finden.

Als Deutschland nach 1945 geteilt wurde, war die Welt dem Beginn des 20. Jahrhundert noch nahe: Man reiste mit der Eisenbahn, ein Auto gab es nur für wenige, man schrieb Briefe statt zu telefonieren. Das rasante Tempo der technischen und sozialen Umbrüche ergriff besonders den freien Westen. Und so wurden in 40 Jahren Teilung die beiden Teile Deutschlands weiter auseinandergetrieben, als viele zunächst begreifen wollten. Auch daran gemessen ist der Zustand der deutschen Einheit heute eher ein Wunder. Und deswegen sollten wir trotz der großen Aufgaben das Glück dieses Wunders nicht vergessen.

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Mut.Macher - 7. Oktober 2010 in Leipzig