GESPRÄCH
»Werkstatt Ost, das trifft es besser«
Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, über 20 Jahre Einheit, Flurschäden der einstigen Abschottung und den immensen Innovationsdruck in den neuen Ländern
W&M: Herr Professor, vor 20 Jahren wurde die deutsche Einheit politisch besiegelt. Ist die Bilanz, wie dieser Tage zum Beispiel der »Süddeutsche Zeitung« zu entnehmen ist, enttäuschend?
Karl-Heinz Paqué: Nicht die Bilanz der beiden Jahrzehnte ist enttäuschend, sondern die Erwartungen waren viel zu hoch. Anfang der 90er Jahre herrschte im Westen das Gefühl vor, jetzt kommt der Osten! Die werden uns schnell einholen. Das konnte so nicht eintreten.
W&M: Warum nicht?
Karl-Heinz Paqué: Der Flurschaden von 40 Jahren Abschottung vom Weltmarkt ist größer, als es damals absehbar war. Die Wirtschaftsregion Mitteldeutschland war vor dem Zweiten Weltkrieg die Nummer zwei in Deutschland, knapp hinter dem Rheinland und weit vor dem heutigen Baden-Württemberg. Es war eine hochinnovative Region. Dort wieder hinzukommen erweist sich als sehr, sehr schwierig. Dafür ist das, was erreicht wurde, sehr beachtlich.
W&M: Beachtlich? Noch immer klafft bei allen relevanten Wirtschaftdaten eine deutliche Lücke zwischen Ost und West.
Karl-Heinz Paqué: Der Osten liegt inzwischen bei 70 bis 80 Prozent des Produktivitätsniveaus im Westen. Eine wettbewerbsfähige Industrie ist entstanden, aber sie ist noch zu klein und zu kleinteilig. Zwischen Dresden und Stuttgart liegen eben doch noch Welten.
W&M: Betriebe, die wir im Osten dem Mittelstand zuordnen, werden in Süddeutschland zum Kleinstand gerechnet. Da ist kaum Boden gutgemacht, oder?
Karl-Heinz Paqué: Größe kann man nicht erzwingen, Größe muss wachsen. In der Entwicklung von Wirtschaftsstrukturen sind 20 Jahre nicht viel.
W&M: Viele Experten teilen Ihre optimistische Einschätzung nicht. Legen sie nur eine andere Elle an in den Aufbau Ost?
Karl-Heinz Paqué: Diese Experten vergleichen mit einem Nirvana, einem wunderbaren, aber nicht erreichbaren Zustand. Sie sehen in der Entwicklung im Osten eine Kette falscher wirtschaftspolitischer Entscheidungen in den 90er Jahren. Sie zeigen nicht, welche realistische Alternative es hätte geben können.
W&M: War alles, wie es gelaufen ist, wirklich ohne Alternative?
Karl-Heinz Paqué: Die Freiheit nach dem Mauerfall war nicht nur Freiheit im Denken, das hieß auch Mobilität und Freizügigkeit. Von da an konnte jeder junge Mensch im Osten sich entscheiden, in den Westen zu gehen und dort an modernen Anlagen mindestens das Dreifache zu verdienen. So zu tun, als hätte man Ostdeutschland mit einem sehr niedrigen Lohnniveau besser entwickeln können, ist ein Irrtum. Die Leistungsträger wären dann einfach gegangen. Im übrigen hat sich auf betrieblicher Ebene ein hohes Maß an Flexibilität entwickelt. Der Flächentarifvertrag zerbröselte schnell.
W&M: Ist aus der damaligen Not heute wirklich eine Tugend geworden?
Karl-Heinz Paqué: Zumindest ein großer Vorteil! Diese Flexibilität charakterisiert heute die Wirtschaft Ost und hat Rückwirkungen auf den Westen. Wenn Deutschland aktuell so gut mit der globalen Finanzkrise umgehen kann, hängt das auch mit der Flexibilität zusammen, die durch die Hintertür über Ostdeutschland hereingekommen ist.
W&M: 1,5 Billionen Euro sind bisher aus dem Westen in den Osten transferiert worden. Hat sich das gelohnt?
Karl-Heinz Paqué: Es ist ganz einfach: Ohne die gigantische Wirtschaftsförderung gäbe es die ostdeutsche Industrie nicht mehr. Dabei ist auch zu bedenken, dass weit mehr als die Hälfte der Kosten durch die Renten- und Sozialkassen entstanden. Und dies war vor allem das Ergebnis der Anerkennung der Lebensleistung der DDR-Bürger.
W&M: Wird es doch noch etwas mit Kohls »Blühenden Landschaften«?
Karl-Heinz Paqué: Ich bin Realist. Der Osten hat die Chance aufzuholen, wie jede strukturschwache Region des Westens auch. Aber das dauert 30, 40 Jahre, oder noch länger. Wir sind in den neuen Bundesländern noch lange nicht am Ende der Fahnenstange. Die Zeit neuer Ansiedlungen und Erweiterungen der Industrie ist noch lange nicht vorbei.
W&M: Welche grundlegenden Erkenntnisse hat der Wirtschaftswissenschaftler aus dem Transformationsprozess von der Plan- zur Marktwirtschaft gewonnen?
Karl-Heinz Paqué: Zunächst gilt: Der Prozess war historisch einmalig, und die Lehren sind deshalb begrenzt. Eine Erfahrung ist sicherlich, dass der enorme wirtschaftliche Anpassungsdruck im Osten dazu geführt hat, dass auch im Westen nicht alles so geblieben ist, wie es war. Deutschland als Ganzes hat sich verändert, und zwar zum Positiven.
W&M: Trotzdem - der Abstand im Lohnniveau zwischen Ost und West hat sich in den letzten Jahren nicht verkürzt, in fast allen Rankings hinkt der Osten hinterher. Wird es auf dem letzten Teilabschnitt hin zu gleichwertigen Verhältnissen immer schwieriger?
Karl-Heinz Paqué: Das ist fast immer so beim wirtschaftlichen Aufholen. Nehmen wir z.B. Südkorea, ein Land das sich in vier Jahrzehnten sehr dynamisch entwickelt hat. Aber Südkorea ist trotzdem noch nicht da, wo Westdeutschland oder die USA stehen. Auch innerhalb von Ländern gilt das: Der Alte Süden der USA hat gegenüber Kalifornien und Neuengland aufgeholt, aber er hat die innovativen Kernregionen noch lange nicht erreicht. Die mittlere Phase des Aufholens ist leichter als die Schlussphase. Zunächst entsteht eine neue Infrastruktur, und es wird Industrie angesiedelt.
W&M: Verlängerte Werkbänke?
Karl-Heinz Paqué: So ist es. Natürlich sind viele Industrieansiedlungen zunächst einmal nicht mehr als moderne Produktionsstätten für Standardisiertes. Der Bayer-Konzern lässt im Osten Aspirin herstellen. An neuen Pharmaprodukten geforscht wird aber in Leverkusen. Es ist bisher noch nicht gelungen, in den neuen Ländern eine starke Innovationskraft zu etablieren.
W&M: Das eigentliche Problem?
Karl-Heinz Paqué: Ja. Unternehmen können heute am Markt nur noch dynamisch wachsen, wenn sie etwas Neues machen, eben Produkte mit hohem Innovationswert. Ostdeutschland erreicht aber bei den Forschungsausgaben noch immer nur die Hälfte der Pro-Kopf-Ausgaben im Westen. Die Innovationskraft ist deshalb massiv auszubauen. Das dauert nicht eine Generation, sondern mindestens zwei. Auch Südbayern brauchte dafür einige Jahrzehnte.
W&M: Die Voraussetzungen dafür werden nicht besser. Der Solidarpakt und die Transfers in den Osten laufen 2019 aus. Was kommt dann? Ein Finanzloch?
Karl-Heinz Paqué: Die Transfergelder sind vor allem zum Ausbau der Infrastruktur eingesetzt worden, der wird 2019 fast abgeschlossen sein. Der eigentliche Aufbau Ost ist beendet, die Werkstatt Ost muss aber noch wachsen. Es bedarf dafür weiterhin Gelder für die Stärkung der Innovationskraft. Dies muss nicht nur im Osten den Kern einer neuen regionalpolitischen Philosophie bilden.
W&M: Ein großes Wort - was verstehen Sie darunter konkret?
Karl-Heinz Paqué: Nicht der Bau von Straßen, sondern die Entwicklung von Ideen muss gefördert werden. Nehmen wir zum Beispiel die Exzellenzoffensive des Bundes in der Forschung. Sie ist richtig und wichtig, darf aber nicht nur den etablierten Zentren in Südwestdeutschland zugute kommen. Dort bestehen heute schon ausgezeichnete Netzwerke zwischen der Wirtschaft und den Hochschulen. In Dresden, Jena oder Magdeburg ist dies schwieriger, wegen der Schwäche der Industrie. Aber das Potenzial ist da.
W&M: Noch mal - wie kann die Finanzlücke nach 2019 geschlossen werden?
Karl-Heinz Paqué: Mit strikter Haushaltsdisziplin im konsumtiven Bereich, bei Ländern und Kommunen. Auch alle Investitionsvorhaben müssen auf den Prüfstand. Das, was bleibt, muss vor allem auf die Innovationskraft und den Standortwettbewerb konzentriert werden.
W&M: In 20 Jahren haben sich die Regionen unterschiedlich entwickelt. Gießkannen-Förderung ist passé. Was wird zum Beispiel aus der Uckermark?
Karl-Heinz Paqué: Die ostdeutsche Wirtschaft besteht im Grunde aus zwei unterschiedlichen Bausteinen: Da sind industrielle Cluster - innovativ, aber noch zu klein; und da ist die Autobahn-Ökonomie, also all die Gewerbegebiete entlang der großen Verkehrsachsen wie die A2, die A 4, die A 9 oder die A14. Beides ist wichtig, schafft Wachstum und Arbeitsplätze, verdient Förderung.
W&M: Die Frage ist, was aus den anderen Regionen wird.
Karl-Heinz Paqué: Die haben es am schwierigsten. Allerdings gibt es auch dort Bürgermeister, die unternehmerisch denken und ihre Gewerbegebiete gut vermarkten. Sie darf man nicht völlig abkoppeln. Ein gesunder Standortwettbewerb gehört zur Marktwirtschaft. Die Uckermark einfach abzuschreiben, das macht keinen Sinn.
W&M: Innovation in Ostdeutschland, das heißt, Forschung und Entwicklung in kleinen Betrieben. Wie soll das funktionieren?
Karl-Heinz Paqué: In Friesland, in der Eifel oder im Bayerischen Wald gibt es ähnliche Strukturprobleme. Start-Up-Unternehmen sind zu fördern, Forschungsstrukturen zu erhalten und zu stärken. Das ist nicht einfach, denn erfolgreiche kleine Unternehmen werden leicht von großen aufgekauft, und dann verlagert sich die Produktion in die etablierten Zentren. Es kommt also im ersten Schritt darauf an, das Entstehen neuer Ideen zu unterstützen, auch mit Risiko- und Beteiligungskapital. Im zweiten Schritt müssen sich Strukturen verfestigen. Da kommt es auch auf die Wirtschaftsfreundlichkeit vor Ort an. Ein guter Bürgermeister kann da eine Menge erreichen.
W&M: Sie sehen auch bei Ansiedlungen noch Luft nach oben - was ist zu tun?
Karl-Heinz Paqué: Es geht um eine professionelle Betreuung von Investoren. Der Osten punktet vor allem mit wenig Bürokratie und kurzen Wegen zu Behörden und Entscheidungsträgern. Da zählen offene Türen, Schnelligkeit und persönlicher Einsatz der zuständigen Minister. Das können Sie nicht in Förderprogramme schreiben.
W&M: Der Mittelstand in Südwestdeutschland ist sehr gut untereinander vernetzt. Welchen Stellenwert haben Netzwerke im Osten?
Karl-Heinz Paqué: Es gibt inzwischen auch im Osten sehr viel Kommunikation und Initiativen innerhalb von Branchen, z.B. in der chemischen Industrie. Aber Netzwerke allein reichen nicht. Die Ideen und Innovationskraft müssen schon aus den Unternehmen selbst kommen, und davon müssen genug da sein. Sonst gibt es nur nette Talk-Runden.
W&M: Sie nennen Innovationen ganz oben auf der Agenda Ost. Warum ist dann der Aufbau Ost institutionell im Bundesinnenministerium angesiedelt?
Karl-Heinz Paqué: Es gibt unterschiedliche Aspekte der Deutschen Einheit, darunter eine Menge Fragen, die mit Wirtschaft wenig zu tun haben. Probleme der ostdeutschen Wirtschaft ähneln zunehmend den Problemen strukturschwacher Regionen in Westdeutschland. Der Aufbau Ost ist zur Werkstatt Ost geworden. Werkstatt Ost, das trifft es besser. Sie ist die zweite Stufe der deutschen Einheit.
W&M: Ihrem Buch »Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus« dürfte angesichts weltweit knapper werdender Ressourcen Widerspruch sicher sein. Worum geht es Ihnen?
Karl-Heinz Paqué: In dem Buch befasse ich mich explizit mit dieser Frage. Die ganze Wirtschaftsgeschichte ist eine Geschichte des Kampfes gegen die Ressourcenknappheit. Wir überwinden sie nur durch neues Wissen. Und Wissen wird entwickelt durch Wachstum. Es schafft Ideen und macht Innovationen erst bezahlbar. Es ist das Wachstum, das letztlich die Probleme der Knappheit löst.
W&M: Ressourcenknappheit, Öko-Katastrophen wie im Golf beflügeln das Wissen?
Karl-Heinz Paqué: Wirtschaft ist ein Kampf mit Risiken und Knappheiten. Und wenn die nicht deutlich werden, passiert gar nichts. Im 18. Jahrhundert hatten sich in Großbritannien die Preise für Holzkohle verzehnfacht. Das gab den Ausschlag, damit zu beginnen, Steinkohle zu verbrennen, die reichlich und in guter Qualität vorhanden war. Damit begann die Industrialisierung, durch eine Energiekrise. Vor einer Generation waren es dann die Ölkrisen im Westen, die neue Lösungen forderten. Krisen, die oft als Schock empfunden werden, stoßen Entwicklungen an.
W&M: Das gilt auch für die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise?
Karl-Heinz Paqué: Natürlich. Die Vorstellung, Renditen von 25 bis 30 Prozent, wie sie Deutsche-Bank-Chef Ackermann eine Zeitlang vorschwebten, über längere Zeiträume zu erzielen, das funktioniert nicht. Man hat erkannt, dass Geschäftsmodelle, die auf einer systematischen Inkaufnahme dieser Risiken fußen, unseriös sind. Das ist eine wichtige Lehre.
W&M: Ersetzt sie die stringente Regulierung der Finanzmärkte?
Karl-Heinz Paqué: Nein, aber riskante Subprime-Anlagen bei Immobilien werden die Banken auf lange Sicht ohnehin scheuen. Noch wichtiger ist eine andere Erkenntnis: Länder, deren Entwicklung auf einer gesunden, im Weltmarkt integrierten Industrie basiert - wie Deutschland oder Österreich - haben keine grundlegenden Probleme. Sie haben Einbrüche bei den Exporten erlebt, erholen sich aber wieder davon.
W&M: Was lernen Ost-Unternehmen daraus?
Karl-Heinz Paqué: Daran zu arbeiten, zu einer soliden Innovationskraft zu kommen und differenzierte hochwertige Produkte in den Weltmarkt zu bringen.
W&M: Da reift das nächste Problem heran - der Fachkräftemangel.
Karl-Heinz Paqué: Eine Knappheit an Fachleuten ist mir lieber als Massenarbeitslosigkeit. Das Problem zwingt den Staat, die Schulen zu verbessern, und die Unternehmen, in Ausbildung zu investieren.
W&M: Welche Nachwehen hat die Krise für die ostdeutsche Wirtschaft?
Karl-Heinz Paqué: Es gibt einen Rückschlag im Osten, zweifellos. Bis im Westen die Kapazitäten wieder ausgelastet sind, wird es spürbar weniger Investitionen im Osten geben. Aber danach wird es weitergehen. Auf lange Sicht ist die Krise nicht der entscheidende Punkt. Heute werden zehn Prozent der Industrieproduktion Deutschlands im Osten erwirtschaftet. Das zählt, aber es reicht nicht. Da muss künftig noch mehr kommen.
W&M: Herr Professor, wir danken für das Gespräch.