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»Nachhaltigkeit zahlt sich aus«

Special CSR

»Nachhaltigkeit zahlt sich aus«

Gudrun Kopp, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), über soziale und ökologische Verantwortung mittelständischer Unternehmen

W&M: Frau Staatssekretärin, Ihr Ministerium wurde über ein Jahrzehnt von Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) geführt. Worin unterscheidet sich liberale von sozialdemokratischer Entwicklungspolitik?
Kopp: Es gibt eine Reihe von Unterschieden. Zum Beispiel war die Zusammenarbeit des BMZ mit der Privatwirtschaft früher tabu, nicht gewollt. Das haben wir geändert. Wir wollen die Menschen weltweit unterstützen, indem wir Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Deutschland kann mit Steuergeldern unmöglich die Armut der ganzen Welt beseitigen. Weltweit fließen staatliche Finanzmittel in die Entwicklungszusammenarbeit in einer Summe von rund 120 Milliarden US-Dollar. Aber private Direktinvestitionen in die Entwicklungs- und Schwellenländer belaufen sich dagegen auf fast 1.000 Millarden US-Dollar. Deshalb kommt es entscheidend auch auf das Engagement der Privatwirtschaft an!

W&M: Sie verstehen Entwicklungshilfe auch als eine Art Strukturpolitik?
Kopp: Es gibt keine erfolgreiche Armutsbekämpfung ohne wirtschaftliche Entwicklung. Wir wollen, dass wirtschaftliche Strukturen entstehen, dass Arbeitsplätze geschaffen werden, sich eine Art Mittelstand bildet. Also viele kleine und mittelgroße Unternehmen. Auch mit Hilfe der deutschen Privatwirtschaft. Und es braucht vor allem Bildung und duale Ausbildung. Dabei sagen wir den Unternehmen: Investiert und engagiert euch sozial und ökologisch – so, dass es nachhaltig wird. Wir fördern die gesellschaftlich verantwortungsvolle Unternehmensführung und reichen privaten Firmen die Hand zu gemeinsamen Entwicklungspartnerschaften.

W&M: Welchen Nutzen haben die Unternehmen von einer Public-Private-Partnership?
Kopp: Richtig konzipiert entsteht eine Win-Win-Situation. Beide Seiten profitieren davon. Wir als Ministerium, die Unternehmen, vor allem aber die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern – für sie brauchen wir den größtmöglichen entwicklungspolitischen Mehrwert. Dafür benötigen wir Mittelständler und international agierende Konzerne, die Corporate Social Responsibility (CSR) – also sozialverantwortliches Wirtschaften – wirklich praktizieren, wir fördern damit Nachhaltigkeit, hohe Umweltstandards und gute Arbeitsbedingungen.

W&M: Noch einmal gefragt, wie zahlt sich das für die Unternehmen aus?
Kopp: Unsere Unterstützung hilft, einen Einstieg in manchmal schwierige intransparente Märkte zu erleichtern. Und natürlich haben die Firmen auch einen Mehrwert, wenn sie ihrer ökologischen und sozialen Verantwortung nachkommen – eine gute internationale Reputation für ihre gute Marke, für ihr gutes Erzeugnis oder ihre gute Dienstleistung. Und sie haben in Deutschland und weltweit Mitarbeiter, die stolz sind auf das Unternehmen. Sie identifizieren sich mit ihrer Firma.

W&M: In Deutschland exportieren 350.000 Unternehmen, das sind zwölf Prozent aller Firmen. Aber von den Großunternehmen sind 81 Prozent, von den KMU nur elf Prozent im Exportgeschäft. Lässt sich daraus auch schließen, dass Entwicklungszusammenarbeit nichts für Kleinunternehmer ist?
Kopp: Da muss ich widersprechen. Richtig ist, dass es vielfältige Möglichkeiten der Kooperation gibt. Deshalb kümmern wir uns ja verstärkt um kleine und mittelständische Firmen, indem wir Beratung und Informationen bieten. Was wir jetzt machen, ist maßgeschneidert für mittelständische Unternehmen.

W&M: Zum Beispiel?
Kopp: Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Entwicklungsprojekten gemacht, die gemeinsam mit Unternehmen konzipiert, finanziert und realisiert worden sind. Es gibt dafür ein Programm, zu finden im Internet unter der Adresse www.develoPPP.de. Es sieht auch vor, dass sich ein großes Unternehmen mit vielen kleinen vor Ort, in Afrika zum Beispiel, engagieren kann. In dieser Zusammenarbeit kann eine Infrastruktur aufgebaut werden. Meist sind ja die dort ausgeschriebenen Lose zu groß für Mittelständler. Deshalb ist es gut, wenn ein großes Unternehmen dabei ist, aber eben auch viele kleine.

W&M: In 90 Prozent der ostdeutschen Unternehmen sind weniger als zehn Mitarbeiter beschäftigt. Zu den großen Problemen gehört die Eigenkapitalschwäche. Können sie bei einem Engagement mit Krediten rechnen?
Kopp: Die DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH, eine Tochter der KfW – vergibt Kredite in diesem Bereich. Deutsche mittelständische Unternehmen sind eine wichtige Zielgruppe. Und noch eine aufschlussreiche Zahl: 50 Millionen Menschen profitieren unterdessen von den aus Deutschland weltweit geförderten Mikrokrediten.

W&M: Ein zweites Problem der Kleinbetriebe ist das fehlende Know-how. Was können Sie ihnen anbieten?
Kopp: Dreh- und Angelpunkt ist eine Beratung, die dort beginnt, wo das entsprechende Unternehmen sich einbringen will und kann. Also das Zusammenbringen von Angebot und Nachfrage. Ich kenne einen Mittelständler, der Solaranlagen installiert. Er hatte angefangen, sie auch zu exportieren, ganz bescheiden. Jetzt hat er den Sprung gewagt, einen DEG-Kredit aufgenommen und ist nach Kenia gegangen, um dort eine Dependance aufzubauen. Er schult auch Mitarbeiter. Handwerker auszubilden, damit sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen können – was wollen Sie mehr!

W&M: Sie haben ihn beraten?
Kopp: Wir haben Länderberichte zur Verfügung gestellt, Rahmenbedingungen für Investitionen dargestellt. Auch die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit leistet qualifizierte Hilfe vor Ort. Sie ist in 130 Ländern mit über 18.000 Beschäftigten aktiv. Diese Fachleute können auch Unternehmen bei deren Engagement behilflich sein. Denn wir wollen alles vermeiden, dass Unternehmen vor Ort Schiffbruch erleiden.

W&M: Leider gibt es viele solcher Geschichten von Schiffbrüchen. Was können denn gerade Mittelständler von den BMZ-Lotsen erwarten?
Kopp: Wir sagen ihnen, was sie vor Ort erwartet. Wie es sich mit der Regierung verhält, ob es Korruption gibt, welche Produkte und Dienstleistungen gefragt sind, welcher Rechtsrahmen gilt.

W&M: Sie haben jetzt sogar ein eigenes Referat, eine Servicestelle eingerichtet, für die Privatwirtschaft und für die Zivilgesellschaft – was kann man von ihr erwarten?
Kopp: Diese Servicestelle bietet Länderberatungen und ist Anlaufstelle für Unternehmer, die mit entwicklungspolitischen Geschäftsideen und Investitionen aktiv werden wollen.

W&M: Wo sehen Sie ungenutzte Potenziale für deutsche Unternehmen?
Kopp: Vor allem in den Bereichen Klimaschutz, Wasser, Gesundheit oder erneuerbare Energien. Und zwar in relativ unerschlossenen Märkten, das sind Milliarden von Menschen, die Hilfe benötigen und später auch einmal zu Mitarbeitern, Konsumenten und sogar Investoren werden könnten. Wir stehen nebenbei auch in Verbindung mit dem Zentralverband des Handwerks und den Kammern. Bei großen IHK haben wir sogenannte »Entwicklungsscouts« eingesetzt.

W&M: Pfadfinder?
Kopp: Diese Scouts oder Pfadfinder sollen innerhalb von Wirtschaftsverbänden und -kammern Unternehmen auf Chancen in der Entwicklungszusammenarbeit hinweisen und für Investitionen in Entwicklungsländern werben.

W&M: Sind das nicht Aufgaben des Bundeswirtschaftsministeriums?
Kopp: Wir haben selbstverständlich den Entwicklungsaspekt im Fokus, also globale Herausforderungen wie Hunger, Krankheit und Armut. Alles, was hilft, tragfähige Entwicklung voranzutreiben, befördern wir. Unterm Strich wollen wir unsere sechs Milliarden Euro Haushaltsmittel hocheffizient einsetzen. Deshalb ist es mir so wichtig, die Privatwirtschaft an Bord zu bekommen. Am Ende sollen alle profitieren.

W&M: Stoßen Sie auf Interesse bei den deutschen Unternehmen?
Kopp: Auf großes Interesse. Um noch einmal auf den Nutzen zurückzukommen für die Unternehmen, die Verantwortung in der Entwicklungszusammenarbeit übernehmen: Verantwortliches, inklusives Wirtschaften ist im ureigenen Interesse auch von weltweit agierenden Unternehmen. Damit verbunden ist der Kampf gegen Kinderarbeit, Korruption und der Einsatz für menschenwürdige Arbeitsbedingungen.

W&M: Ist das nicht ein bisschen blauäugig? Schließlich gibt es ganz andere Bilder aus Afrika, Asien und Lateinamerika …
Kopp: Ich kenne auch die Verhältnisse vor Ort. Die Arbeitsbedingungen in den Minen, wo ohne Schutzkleidung und ohne einen Schluck Wasser in der Arbeitszeit geschuftet wird, sind schrecklich. Aber Bilder von Kinderarbeit in bestimmten Wirtschaftsbereichen haben auch dazu geführt, dass die betreffenden Hersteller boykottiert wurden. Wo ein Unternehmen sich outen muss, dass es die Mitarbeiter unter schlechten Bedingungen beschäftigt, dort hat es ausgespielt. Es gibt kein Verstecken mehr im Zeitalter des World Wide Web.

W&M: Wirklich nicht? Transparenz scheint nicht gerade zu den Vorzügen in manchen Regionen zu gehören.
Kopp: Wir verlangen, dass die Regeln der Transparenz eingehalten werden. Gerade im Rohstoffsektor und bei den Finanzströmen dort bedarf es der Offenlegung. Entwicklungszusammenarbeit ist an gute Regierungsführung geknüpft. Wir arbeiten schließlich mit Steuergeldern und wollen, dass in den Nehmerländern ein Finanzsystem aufgebaut wird, so dass zum Beispiel ein Bildungs- und Gesundheitssystem finanziert werden kann. Das bringt den Menschen vor Ort etwas und entlastet letztlich die Weltgemeinschaft.

W&M: Aber es steht doch nicht CSR, sondern die Bekämpfung der allerschlimmsten Armut an der Spitze der Millenniumsziele und auch Ihrer Agenda, oder?
Kopp: Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung ist eine Voraussetzung für erfolgreiche Armutsbekämpfung. Denken Sie an das Rohstoffproblem. Die ärmsten Länder sind zugleich die rohstoffreichsten. Der Reichtum kommt nicht bei den Menschen an. Es wird Gold geschürft oder Bauxit abgebaut, aber der Erlös geht außer Landes, versickert in irgendwelchen Kanälen. Die internationale Staatengemeinschaft und wir als Bundesministerium machen uns die Mühe, dass die Rückflüsse aus den Rohstoffeinnahmen den Ländern selber zugute kommen. Zudem können arme Regionen von heute die Märkte von morgen sein!

W&M: Sie spielen auf die Entwicklungen in Nordafrika an?
Kopp: Afrika ist ein Chancenkontinent. An den Ereignissen in Nordafrika ist ablesbar, dass sich etwas tut. Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht in Libyen, aber es gibt den ungebrochenen Wunsch nach Freiheit und Lebensperspektiven. Wir als BMZ unterstützen diese Bestrebungen zum Beispiel mit demokratiefördernden Maßnahmen. Bei gutem Entwicklungsverlauf werden demnächst auch Privatinvestitionen nötig sein, um die Entwicklung voranzutreiben.

W&M: Was tun Sie denn jetzt konkret in, sagen wir, Tunesien?
Kopp: Für Nordafrika haben wir jetzt drei verschiedene Fonds aufgelegt. Einen über sechs Millionen Euro für die Arbeit der politischen Stiftungen und deren Beratungstätigkeiten: Wie werden Kandidatenlisten erstellt und wie müssen demokratische Wahlen ablaufen? Das sind alles Notwendigkeiten eines zivilgesellschaftlichen, eines demokratischen Prozesses. Zudem haben wir einen zweiten Fonds über acht Millionen Euro gestartet, zur Förderung von Bildung und Weiterbildung und einen dritten im Umfang von 20 Millionen Euro für die Gewährung von Kleinkrediten, für Existenzgründungen in Nordafrika.

W&M: Apropos, die Bank von Nobelpreisträger Muhammad Yunus vergibt ihre Kleinstkredite zu 90 Prozent an Frauen. Warum das?
Kopp: Es sind die Frauen, die in den Entwicklungsländern im Zentrum der Familien für Wasser, Nahrung und, wo immer möglich, Bildung sorgen. Sie sind der Schlüssel für jedwede Entwicklung.

W&M: Statistiken besagen, Frauen erwirtschaften nur zehn Prozent des weltweiten Einkommens. 60 Prozent der Menschen, die trotz Jobs die Armutsgrenze nicht zu überwinden vermögen, sind Frauen. Männer verfügen über 90 Prozent der Anbauflächen und des globalen Vermögens. Was wollen Sie da bewegen?
Kopp: Es bewegt sich viel. In Mali habe ich eine beeindruckende Unternehmerin kennengelernt. Sie hat eine Saftfabrik aufgebaut und beschäftigt 60 Mitarbeiter. Gefördert wurde sie mit DEG-Krediten. Die Unternehmerin besuchte kürzlich die Grüne Woche in Berlin, um Chancen auszuloten, ihre Produktionspalette auszuweiten oder Kooperationen einzugehen. Ich konnte sie einer namhaften deutschen Lebensmittel-Firma vorstellen. Es bewegt sich mehr, als in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

W&M: Wir bedanken uns für das Gespräch.